Im Mittelpunkt des SISIE-Projektes steht die Frage, welche Bedeutung Erinnern und Erinnerungsorte für ein modernes Europa haben können. Unserer Dresdner Gruppe gehören Menschen aus mehreren Generationen an – die jüngsten Teilnehmer am SISIE-Projekt waren 17 Jahre alt, der älteste 83 Jahre. In ihren Lebenserfahrungen spielt der Ort Dresden eine wesentliche Rolle. Es lag also nahe, unsere Stadt als Ausgangspunkt für unser Engagement in SISIE zu wählen.
SISIE-Teilnehmer Christa Hennemann und Nora Lang vor dem Panorama der Dresdner Altstadt
Stadt in Europa, Stadt in Deutschland, Stadt im Osten
Dresden entwickelt sich seit Jahrhunderten eingebunden in ein intensives Beziehungsgeflecht zu allen Zentren europäischer Politik, Kultur und Wirtschaft. Für die Dresdner heute ist diese europäische Dimension ihrer Stadt selbstverständlich: Mehrere Millionen Touristen alljährlich machen Weltläufigkeit unmittelbar erlebbar. Vor allem aber im Selbstverständnis als Kunststadt sind die europäischen Bezüge tief verwurzelt: Die italienische »Sixtinische Madonna« ist längst Dresdnerin.
Als Stadt in Deutschland steht Dresden untrennbar in den Bezügen der Nationalgeschichte, die – vor allem angesichts der NS-Verbrechen – auch Verstrickungen sind. Bis heute wirkt aber auch das Regionalgefühl einer Jahrhunderte alten eigenen Staatlichkeit nach: Die Tradition als sächsische Residenz beeinflusst nach wie vor die Atmosphäre der Stadt. Sie wirft einen fernen Glanz auch auf die heute eher nüchterne Einrichtung als Hauptstadt des deutschen Bundeslandes Sachsen. Zuweilen steht diese regionale Identität der Dresdner im Kontrast zu einem deutschen Nationalgefühl.
Auch ein anderer Kontrast ist nach wie vor wichtig: Nach fast einem halben Jahrhundert deutscher Teilung ist Dresden immer noch ein Ort in Ostdeutschland. Das Spezifische machen nicht mehr in erster Linie Wirtschaftsdaten aus, sondern vor allem die biographische Erfahrung vieler Dresdner – und die Biographie der Stadt selbst. Dresden heute kann nicht ohne die DDR erinnert (und verstanden) werden.
Symbolstadt Dresden
Als Erinnerungsort steht Dresden also in einem sehr komplexen Bezügen. Zwei Aspekte aber bestimmen das Bild der Stadt und geben ihr eine symbolische Bedeutung: Seit Barock und Romantik gilt Dresden als herausragende Kunststadt in Europa. Seit den Luftangriffen auf Dresden im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges ist die Stadt aber auch zum weltweit bekannten Symbol für militärische Gewalt und für die Zerstörung von Kulturgütern im Krieg geworden.
In diesem Kontext leben die Dresdner: Die Erzählung von Kunst und Schönheit der Stadt ist ihnen genauso geläufig und genauso wichtig wie die Erzählung der Zerstörung im Februar 1945. Ihre persönlichen Biographien sind in diesen Rahmen eingebettet.
Für die Arbeit unserer Gruppe innerhalb der SISIE-Lernpartnerschaft haben wir genau diesen Aspekt ausgewählt. Dabei interessiert uns insbesondere die Bedeutung unserer Stadt als Geschichtssymbol in Europa. Im Austausch mit unseren europäischen Partnern wollen wir versuchen, dem symbolhaften Erinnerungsort Dresden nachzugehen.